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Stress am Arbeitsplatz kostet viel Geld?

von Robert Nabenhauer

Das Wort «Stress» ist in aller Munde: Stress macht krank und führt zu Burn-out. Dies betrifft aber nicht nur die Menschen, sondern auch komplette Organisationen.

Von Heinz Wyssling

Bis in die 30er-Jahre gab es das Wort Stress im heutigen Sinne noch nicht. Es stammt ursprünglich aus der Werkstoffkunde, wo es den Zustand eines unter Druck stehenden Materials bezeichnet. Der österreichisch-kanadische Mediziner Horst Selye übertrug 1936 den Begriff auf Menschen. Seither versteht man unter Stress psychische und körperliche Reaktionen auf äussere und innere Reize sowie Belastungen, die als unangenehm, bedrohlich oder überfordernd bewertet werden.

Positiver und chronischer Stress. Stress und die damit verbundenen Reaktionen sind normalerweise nichts Negatives, sondern können kurzfristig durchaus sinnvoll sein. Aber dieser Zustand sollte nur dann vorhanden sein, wenn Stresssituationen dem Körper guttun (z.B. Sport) oder in Gefahrensituationen (Flucht oder Angriff). Gefährlich für die Gesundheit wird es, wenn die Entspannungsphasen gegenüber der Anspannung immer weniger werden oder sich ein dauerhaftes Missverhältnis einspielt resp. wenn die mit dem Stress verbundene Hormonausschüttung, der Stresshormonpegel, nicht mehr abgebaut werden kann. Bei Stress wird Adrenalin freigesetzt, das Energie zur Bewältigung einer Aufgabe bereitstellt, die Herzfrequenz und der Blutdruck steigen. Wenn die damit verbundene Anstrengung nicht zu einem Ergebnis führt, ergebnislos weitergeführt wird oder dauerhaft auf hohem Niveau ohne Abbau bleibt, wird zusätzlich Cortisol freigesetzt.

Cortisol aktiviert den Stoffwechsel, dämpft bzw. beeinträchtigt das Immunsystem und die Produktion von mmunbotenstoffen, die den Schutz vor viralen Infektionen gewährleisten. Auch Serotonin, das sogenannte Glückshormon, wird in der Wirkung behindert. Zu viel Cortisol führt zu einer Wahrnehmungsverzerrung. Wenn Adrenalin und Cortisol in höherer Konzentration zum Dauerzustand werden oder die Situation als in einem hohen Masse bedrohlich erlebt wird, dann werden noch körpereigene Morphine (Endorphine) freigesetzt. Der Betroffene kommt in einen neurobiologischen Ausnahmezustand.

 Was es im Stressmanagement zu unterscheiden gilt.

Wer unter chronischem Stress steht, wird irgendwann krank. Zu unterscheiden gilt es zwischen der Stretch-Zone und der Stress-Zone. In der Stretch-Zone ist eine Herausforderung individuell zu bewältigen, die Lücke zwischen dem vorhandenen Wissen, Können und der Erfahrung zu dem, was verlangt wird, kann geschlossen werden. Der Lerneffekt und die damit verbundene Persönlichkeitsentwicklung führen zu einem Wachstum an Kompetenzen. Ist die Lücke zwischen den individuell vorhandenen Ressourcen und Kompetenzen, die zur Bewältigung einer Aufgabe zur Verfügung stehen, und den neuen Anforderungen zu gross und kann nicht geschlossen werden, fällt der Betroffene in die Stress-Zone. Die damit verbundene Überforderung führt auf die Dauer zu chronischem Stress, mit dem Risiko auszubrennen.

 Stress nimmt zu

Über eine Million Arbeitnehmer in der Schweiz sind erschöpft. Dies kostet die Unternehmen viel Geld. Gemäss einer vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) 2010 in Auftrag gegebenen Studie fühlt sich rund ein Drittel der Erwerbstätigen in der Schweiz häufig oder sehr häufig gestresst. Die Studie stellt fest, dass der Anteil der Personen, die «häufig» und «sehr häufig» Stress empfinden, von 26,6% auf 34,4% zugenommen hat. Im Vergleich zum Jahr 2000 sind damit rund 30% mehr Erwerbstätige chronisch d.h. länger andauernd gestresst. Der Anteil der Personen, die «nie» und «manchmal» Stress empfinden, hat von 17,4% auf 13,2% abgenommen. Von den betroffenen Personen fühlen sich im Vergleich zur früheren Studie 11% weniger völlig imstande, ihren Stress zu bewältigen (Rückgang von 31% auf 20%). Dies sind 30% mehr als noch vor zehn Jahren. Das Erleben von Stress hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen.

 Auswirkung

Für das Stressempfinden sind gemäss der Studie folgende Faktoren besonders bedeutend: Arbeit während der Freizeit, mehr als zehn Stunden am Tag arbeiten (ein bis zwei Mal pro Woche bis jeden Tag), unklare Arbeitsanweisungen und die Anforderung in der Arbeit, Gefühle zeigen zu müssen, die mit den eigenen nicht übereinstimmen. Bei Erwerbstätigen, die starkem Termindruck oder Arbeit in hohem Tempo ausgesetzt sind, ist der Anteil der Personen, die sich gestresst fühlen, beinahe doppelt so hoch (66%), wie bei Personen, die unter weniger Zeitdruck arbeiten (34%). Ebenfalls sind Personen, die angeben, während der Arbeit unter sozialer Diskriminierung (wie beispielsweise Mobbing) zu leiden, doppelt so häufig gestresst wie andere Erwerbstätige.

 Führungsverhalten als Schutzfaktor.

Die Studie kommt zum Schluss, dass das Führungsverhalten von Vorgesetzten die Gesundheit der Mitarbeitenden massgeblich beeinflusst. Wenn die Mitarbeitenden das Führungsverhalten ihres direkten Vorgesetzen positiv beurteilen (wie beispielsweise respektiert die Mitarbeitenden, löst Konflikte gut, kann gut planen und organisieren usw.), konnte festgestellt werden, dass die Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen am höchsten und die Anzahl Personen, die sich gestresst oder emotional verbraucht fühlen, am niedrigsten ist.

Diese Personen sind zudem in einem besseren allgemeinen Gesundheitszustand als Personen, die ihre Vorgesetzten negativ erleben. Wenn alle Aspekte des Führungsverhaltens positiv beurteilt werden, fühlen sich nur 5% der Mitarbeitenden gestresst, im Vergleich zu 95%, wenn das Führungsverhalten negativ bewertet wird.

Gute Führung setzt Persönlichkeit voraus und hilft, chronischen Stress zu vermeiden

Gute Führung ist nicht eine Frage der Methode oder der Technik, sie hat vielmehr mit der Persönlichkeit zu tun. In der Führungsverantwortung müssen die Fragen «Wer bin ich?», «Was kann ich?», «Wie bin ich intrinsisch motiviert?» beantwortet werden können.

Die eigenen Stärken und Schwächen müssen bekannt und die blinden Flecken aufgearbeitet sein. Nur wer sich selber kennt, weiss, wie er tickt und in der Lage ist, kontext- und personenbezogen, d.h. situativ zu führen und dabei unterschiedliche Stile anzuwenden, ist auf die Dauer erfolgreich und sorgt für ein gutes Betriebsklima. Im Kompetenzportfolio ist von den fünf Kompetenzen (Fach-, Methoden-, Sozial-, Selbst- und Systemkompetenz) die Selbstkompetenz am stärksten zu gewichten. Die Entwicklung der Persönlichkeit, der «Leadership» ist ein Muss in der Führungsverantwortung. Mit dem Assessment LEADERSIHP (HR-Cockpit: http://www.constant-dialog.ch/hr/die/module.html) kann ein detailliertes Profil des Führungspotentials (für künftige Führungskräfte) und der Führungskompetenz (für bestehende), mit einem starken Fokus auf die Führungspersönlichkeit und deren individuelle Entwicklung, erstellt werden. Dies ergibt dann die Möglichkeit gezielt Weiterbildungsmassnahmen zu machen.

Man muss Menschen gerne haben und auch mit ihren Schwächen angemessen umgehen können. Der strategische Umgang mit Stress ist Chefsache. Zentral ist, die Strukturen, Funktionen und Aufgaben so zu gestalten und zu optimieren, dass Erschöpfung vermieden oder zumindest rechtzeitig erkannt wird. Wenn Mitarbeitende als das grösste Kapital bezeichnet werden, dann darf es nicht verbrannt werden. Sie müssen gemäss ihren individuellen Stärken eingesetzt werden und die dafür notwendigen Ressourcen und Kompetenzen zur Verfügung haben. Sinnhaftigkeit entsteht dann, wenn die Energie, die in die Arbeit investiert wird, durch das Gefühl zurückkommt, das zu tun, was für einen selbst bedeutsam ist.

 Strategischer Wirtschaftsfaktor Gesundheit.

Permanente und gnadenlose Beschleunigung führt zu Orientierungslosigkeit, einer unkontrollierten Flut von Aktivitäten und «Burnout » für alle. Eine heiss gelaufenen Organisation entwickelt sich wie eine verengende Spirale, die vom hektischen Aktionismus zu Chaos führt und letztendlich einen Tunnelblick zur Folge hat. Der Kopf ist nicht mehr frei, das Denken wird verengt. In der Stressstudie im Jahr 2000 wurden anhand von persönlichen Interviews die Absenz- und Behandlungskosten in Zusammenhang mit Stress auf 4,2 Mia. Franken geschätzt.

Heute dürften sie aufgrund der Zunahme bei ca. 6 Mia liegen. Nachhaltiger und auch profitabler in Bezug auf Produktivität und finanziellen Gewinn ist es deshalb, das Unternehmen langfristig auf einem tragfähigen Energieniveau zu halten. Nur wenn die Mitarbeitenden und die Organisation gesund sind, können Wertschöpfung und Profitabilität wachsen. Gesundheit ist ein strategischer Wirtschaftsfaktor. Das reine Effizienzdenken führt in den Blues, zuerst bei den Mitarbeitenden, dann bei den Teams und erfasst am Schluss das ganze Unternehmen. Ein Business-Coaching kann das Management bei einer Gefährdung zum Organizational Burn-out unterstützen, um aus der kollektiven oder individuellen Beschleunigungsfalle herauszukommen.

Heinz Léon Wyssling ist Neuroimaginations-Coach®, Supervisor

und Organisationsberater BSO, Wibichstrasse 76, 8037 Zürich.

http://burn-out-praevention.net/, hwyssling@bluewin.ch

Video zu Stressbiologie: http://www.youtube.com/watch?v=UFPNdVyl4RY

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